März 4

Kapitalismuskritik #2: Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer.

Sobald wir uns mit Aktien oder Börse beschäftigen, sind wir im Herzen des Kapitalismus angelangt. Doch dieses System, welches wir für unseren Vermögensaufbau nutzen wollen, wird oft harsch kritisiert und es kann nicht schaden sich damit auseinander zu setzen. Daher schreiben wir auf Wachstumskurs eine kleine Reihe zur Kapitalismuskritik. Den einleitenden Artikel findest du hier. Die Übersicht zu allen bereits erschienen Beitragen dazu hier. In diesem Artikel wollen wir die verbreitete Annahme unter die Lupe nehmen, die da lautet: “Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden immer ärmer.”

Die weltweite Verteilung des Einkommenszuwachses

In diesem Artikel werden einige Grafiken des World Inequality Report als Argumentationsgrundlage verwenden. Für Interessierte steht der komplette Bericht auch als Download zur Verfügung. Die erste Grafik, die wir vorstellen wollen ist die sogenannte “Elefantenkurve”. Sie trägt den Namen, weil die Kurve so aussieht, als würde ein nach rechts blickender Elefant seinen Rüssel heben. Was sie beschreibt ist die Verteilung der weltweiten Einkommenszuwächse.

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“Elefantenkurve” für den Zeitraum 1980 bis 2016, weltweit; Quelle: www.wid.world; Liste der Mitwirkenden

Die blaue Linie zeigt uns wie hoch der reale prozentuale Einkommenszuwachs der verschiedenen Einkommensgruppen von 1980 bis 2016 ausgefallen ist. Dabei sind die Menschen mit dem geringsten Einkommen ganz links dargestellt, die mit dem höchsten Einkommen sind ganz rechts dargestellt. Diese Grafik widerlegt zunächst einmal die Kapitalismuskritik, dass die Reichen immer reicher würden und die Armen immer ärmer. Denn wir sehen sehr deutlich, dass weltweit jede Einkommensschicht deutliche Zuwächse verbuchen konnte. Viel treffender würde also folgende Aussage zutreffen:

Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden auch immer reicher.

Aber eigentlich wussten wir ja vor diesem Blog-Eintrag bereits, dass sich die marxistischen Thesen von der Verelendung des Proletariats nachhaltig als falsch herausgestellt haben. Deswegen wollen wir die doch sehr unterschiedliche Höhe der Einkommenszuwächse anerkennen und ergründen woher diese Unterschiede kommen und was sie zu bedeuten haben.

Wenn die Armen immer reicher werden

Da wäre zunächst die ärmere Hälft der Welt, die bis zum 50. Einkommensperzentil reicht. Menschen, die dieser unteren Einkommenshälfte angehören, konnten ihr Einkommen seit 1980 in etwa verdoppeln. Das hat zweifelsohne mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Schwellenländer, allen voran China zu tun. Dieses Land hat es geschafft, vom ärmsten Land der Welt zu einer führenden Wirtschaftsmacht aufzusteigen. Verantwortlich dafür waren die Privatisierung in der Landwirtschaft und eine allgemeine wirtschaftliche Liberalisierung – also kapitalistische Reformen. Mehr dazu findest du hier.

Die Schwellenländer in Asien stehen mit wirtschaftlichen Erfolgen übrigens auch nicht allein da. Auch in den afrikanischen Ländern, welche zu politischer Stabilität gelangt sind, hat sich ein starker Trend von abnehmender Armut und steigender wirtschaftlicher Aktivität durchgesetzt. Nicht zuletzt sind es heute Länder wie Äthiopien oder Nigeria, die die weltweit höchsten Wachstumsraten ihrer Volkswirtschaften aufweisen. Diese sehr positiven Tendenzen münden in folgende Grafik, welche den Anteil der Menschen in extremer Armut über die Zeit in rot darstellt.

wenn arme reicher werden

Die Grafik zeigt ein sehr starkes Sinken der weltweiten Armut. Damit ist das Bild so beeindruckend wie umstritten. Es wird oft kritisiert, dass 1,90$ pro Tag immer noch sehr starke Armut bedeutet, dass die Grafik reine politische Werbung für eine kapitalistische Weltordnung darstellt und dass ein Anheben des Einkommensniveaus über die Verbrechen der Kolonialzeit hinwegtäuschen und eine dadurch einhergehende schlechte Lebensqualität nicht berücksichtigen.

Und dennoch müssen wir anerkennen, dass immer weniger Menschen unter dieser zugegebenermaßen noch extremen Armutsgrenze von 1,90$ pro Tag leben. Der wirtschaftliche und technologische Fortschritt, der diese sehr positive Entwicklung treibt, wird nun einmal vom Kapitalismus angetrieben – Ungleichheit hin oder her.

Der kopflose Westen

Die letzten 40 Jahre waren ein Segen für die Volkswirtschaften und die Einkommen der Schwellenländer. Leider übersetzt sich das nicht automatisch auch auf die westlichen Industrieländer aus Nordamerika und Europa. Die Elefantenkurve für diese Weltregionen ist nachfolgend dargestellt.

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Es fällt sofort auf, dass dieser Elefant keinen Kopf besitzt, also dass die ärmere Hälfte des Westens eben gerade nicht überdurchschnittlich stark ihre Einkommen erhöhen konnte. Hier stellen wir fest, dass ca. 80% der Bevölkerung ihr Einkommen annähernd identisch um ca. 30% erhöhen konnten. Das ist zwar tatsächlich besser als nichts, wird aber überschattet von den extremen Zuwächsen der sehr reichen Bevölkerungsgruppen. Das dominante Motiv ist hier, dass nur ein kleiner Teil des Wachstums bei der breiten Masse ankommt und die Ungleichheit – vorangetrieben durch die Zunahme des Reichtums der Reichen – zunimmt.

Nun könnte man auf die Idee kommen, dass die Zunahme dieser Ungleichheit systemimmanent im Kapitalismus verankert ist und fest zu seinen Gesetzen gehört. Das stimmt so allerdings nicht. Denn bis in die 1980er ist die Vermögensungleichheit in den Industrienationen stetig gesunken und erst ab diesem Punkt wieder gestiegen. Sieh dir dazu folgende Grafik an, die das Vermögen der reichsten 1% in verschiedenen Ländern über die Zeit darstellt.

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Ist die Globalisierung an allem schuld?

Es ist vermutlich kein Zufall, dass die Zunahme der Vermögensungleichheit mit der wirtschaftlichen Öffnung von China (1980er) und Indien (1990er) zusammentreffen. Und so ungern wir hier Globalisierungsgegnern auch zustimmen: Wenn die Möglichkeit besteht, eine einfach Fertigungsarbeit in Schwellenländern für einen Bruchteil der Kosten durchzuführen, dann wird sich ein Unternehmen dazu entschließen, dies zu machen.

In einem globalisierten Arbeitsmarkt konkurrieren auf einmal Arbeiter aus Industrienationen mit Arbeitern aus Entwicklungsländern. Das ist natürlich super für die Menschen der Entwicklungsländer, die so zu immer besser bezahlten Jobs in Niederlassungen ausländischer Firmen kommen – daher ja auch der “Elefantenkopf” im ersten Bild und die Steigerung des Wohlstands dieser Menschen. Zeitgleich besteht dadurch natürlich sehr wenig Anreiz, Löhne für relativ einfache Arbeiten in Industrieländern zu steigern und geht dadurch in gewisser auf Weise “auf Kosten” der westlichen Mittelschicht.

Diese Entwicklung ist so logisch wie unvermeidbar (ja, auch Zölle und Isolationismus werden sie nicht aufhalten…) stellt insbesondere Industrienationen vor Herausforderungen, die die schwierige Aufgabe haben, ihre Konkurrenzfähigkeit zu bewahren, um nicht in Rezession und/oder Arbeitslosigkeit zu versinken.

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Die Antworten von Ronald Reagan und Margaret Thatcher waren neoliberaler Natur und können mit den Worten des damaligen US-Präsidenten am besten zusammengefasst werden: “Der Staat ist nicht die Lösung, sondern das Problem!”

Diese “Reaganomics”-Politik zeichnete sich durch starke Deregulierung, Steuersenkung für Unternehmen und die Zurückdrängung des Staats so weit wie nur möglich aus. Damit haben die USA ihre internationale Konkurrenzfähigkeit behalten und haben ein starkes Wirtschaftswachstum erlebt.

Auf der Kehrseite dieser Politik steht natürlich die Reduzierung von Arbeitsschutzstandards, Sozialen Programmen für Bedürftige und anderen Ausgleichsmechanismen, wodurch auch heute noch Obdachlosigkeit und der mangelnde Zugang zu medizinischer Versorgung Probleme im reichsten Land der Welt darstellen.

Daher verwundert es uns zunächst auch nicht, dass die Einkommensungleichheit in den USA seit 1980 deutlich zugenommen hat. Dagegen ist die Einkommensungleichheit in Westeuropa, wo keine so deutliche neoliberale Politik durchgesetzt wurde, annähernd konstant geblieben. Die folgenden zwei Grafiken verdeutlichen dies.

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Innovation, Unternehmertum und digitale Megafirmen

In das Zeitfenster der letzten 40 Jahre fällt neben dem amerikanischen Neoliberalismus noch eine zweite sehr große Veränderung der Welt, die Digitalisierung, den damit verbundenen Innovationsschub und das Entstehen von riesigen Digitalunternehmen, die diese Entwicklung treiben und tragen.

Unabhängig von politischen Entscheidungen ist offensichtlich, dass Unternehmen, wie Microsoft oder Alphabet, welche zu den wertvollsten Unternehmen der Welt gehören aber gleichzeitig relativ wenig Angestellte haben, zu einer steigenden Vermögensungleichheit in den USA beitragen. Denn wenn der Börsenwert immens und die Arbeitnehmerzahl gering ist, fließt einfach der Löwenanteil des geschaffenen Werts in die Hände des Gründers oder Eigners.

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Jetzt ist es allerdings auch so, dass ein Unternehmen wie Microsoft neu geschaffener Werte sind und niemandem weggenommen wurden. Von daher ist es zunächst eine gute Sache, dass die Welt in den Genuss dieses “Mehrwerts” kommt, selbst wenn das Unternehmen nur einer einzigen Person gehören würde. Schließlich vereinfachen uns die Programme dieser Firma das tägliche Leben immens und tragen so zum wirtschaftlichen Vorankommen aller bei.

Die Diskussion, ob und wie solche neu geschaffenen Werte besteuert werden sollten ist eine komplexe und ungelöste Angelegenheit, an welcher wir uns hier nicht beteiligen wollen.

Auf eine andere Sache möchten wir zuletzt allerdings schon noch hinweisen. Es sind die USA, die als Volkswirtschaft die Kraft zur digitalen Innovation beweisen – nicht die Europäer. Zwei Drittel der Marktkapitalisierung von digitalen Plattform-Unternehmen stammt aus den USA, weitere 30 % aus China. Europa ist technologisch hier de facto abgehängt.

Bill Gates; Quelle: Wikipedia

Wenn eine steigende Vermögensungleichheit nur durch die Schaffung neuer, innovativer Unternehmen besteht, dann hätte auch Europa gerne einen kleinen Schluck aus diesem Kelch nehmen dürfen. So bleibt die Frage offen, ob wir diese Innovationskraft in Zukunft wiederentdecken und inwieweit der sehr geringe Regulierungsgrad der USA mit dafür verantwortlich ist, dass sich die innovatisten Unternehmen dort niederlassen.

Letztlich ist es ein ziemlicher Spagat, den die Politik zwischen unternehmerischer Freiheit und Ausgleich der Gesellschaftsschichten schlagen muss. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit – wie so oft – irgendwo in der Mitte.

Jetzt würden wir uns über deine Meinung dazu freuen. Gibt es in einem kapitalistischen System nur Wachstum und Mehrwert, wenn die sozialen Standards aufgeweicht werden oder kann Innovation auch mit der 40-Stunden-Woche und einer Grundsicherung entstehen – Ist Letzteres vielleicht sogar förderlich? Und wird das Einkommen der westlichen Mittelschicht erst wieder wachsen, wenn die Schwellenländer aufgeholt haben, oder gibt es eine andere Lösung?


Tags

Einkommensverteilung, Kapitalismus, Kritik, Vermögensungleichheit, Verteilung, Wachstum


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