Februar 24

Kapitalismuskritik #1: Weshalb wir den Kapitalismus noch brauchen

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Der Zankapfel Kapitalismus

Liebe Leserin, lieber Leser, auf Wachstumskurs beschäftigen wir uns mit privatem Vermögensaufbau mit Aktien oder ETF. Damit arbeiten wir im Herzen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Und wenn auch du bereits etwas Vermögen aufgebaut hast, dann weißt du dessen positiven Seiten vermutlich sehr zu schätzen.

Trotzdem wird in vielen Diskussionen, die die Frage nach einer besseren Welt oder Gesellschaft zur Grundlage haben, der Kapitalismus scharf kritisiert. Nicht selten werden dann seine Abschaffung oder Überwindung gefordert. Im selben Atemzug wird der Kapitalismus als die Wurzel allen Übels auf der Welt ausgemacht. Er sei schuld für Armut, Umweltverschmutzung und Krieg.

Ist Kapitalismus wirklich schlecht?

Das wollen wir zum Anlass nehmen und uns in einer kleinen Serie von Blog-Artikeln mit Kapitalismuskritik auseinandersetzen. In diesem ersten Beitrag werden wir uns ansehen, was wir überhaupt unter Kapitalismus verstehen und wie lange wir noch daran festhalten (sollten). Gleichzeitig werden dadurch die allzu undurchdachten und/oder radikalen Forderungen einbezogen. In den folgenden Artikeln werden wir uns dann ganz konkreten Kritikpunkten widmen.

Das Wesen des Kapitalismus

Was verstehst du eigentlich unter Kapitalismus? Die wenigsten Menschen haben eine klare Antwort auf diese Frage, weil der Begriff meistens nur als hohler Kampfbegriff benutzt wird, welcher in Europa meist ziemlich negativ besetzt ist und in den USA oft als Gegenposition zu jeder Form von staatlicher Regulierung verwendet wird. Wir wollen deswegen versuchen eine neutrale Definition zu geben, die folgende 2 Punkte umfasst.

Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, in welchem:

  1. Preise, Güterverteilung und Investitionsentscheidungen marktwirtschaftlich ermittelt werden.
  2. sich Güter und Produktionsmittel überwiegend in Privatbesitz befinden.

Diese zwei Punkte bewirken einige Dinge, die dann wiederum zu Kritik führen. Erstens ergibt sich zwangsläufig eine moderat flexible, hierarchische Gesellschaft. Denn derjenige, der die bessere Geschäftsidee hat, oder ausgewöhnliche Fähigkeiten anbietet, wird durch die Preisbildung am Markt mehr Einkommen generieren können. Gleichzeitig wird es durch den Privatbesitz der Produktionsmittel ab einem bestimmten Vermögen möglich, Geld zu verdienen – und damit seinen Status in der Hierarchie zu halten – ohne dafür weiter arbeiten zu müssen.

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Zweitens wird der Markt beinahe jeder Nachfrage ein Angebot gegenüberstellen. Das führt einerseits zu neuen Innovationen, die den technologischen Fortschritt vorantreiben. Das bedeutet aber auch, dass der Markt an sich keine moralische Komponente besitzt und letztlich nur durch Preise, aber nicht durch (moralische) Werte kommuniziert.

Drittens führt die Preisbildung am Markt, zumindest sofern die Markteffizienzhypothese etwas Wahres in sich hat, insgesamt zum effizientesten und damit leistungsstärksten Wirtschaftssystem. Das wird durch den Privatbesitz von Kapital untermauert, da jeder Marktteilnehmer ein persönliches Interesse an hohem Einkommen und damit hoher Produktivität hat.

Diese Effekte werden in der Realität natürlich durch verschiedene Regeln in jedem Staat unterschiedlich in die eine oder andere Richtung etwas verschoben. Und vermutlich können wir uns auch alle darauf einigen, dass solche Regeln notwendig sind, um eine Gesellschaft zu schaffen, in der wir leben möchten. Die Regeln müssen Antworten auf Fragen liefern, wie “Wie gehen wir mit den Menschen um, die sich gerade nicht oder nur schwer wirtschaftlich einbringen können?”.

Was sind die Alternativen?

Abgesehen von abweichenden Wortdeutungen gehen wir davon aus, dass die oben beschriebenen 3 Resultate aus einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung zunächst einmal die Wirklichkeit ausreichend gut beschreiben. Manch einer wird die Wirklichkeit nun sehr positiv sehen, andere leiten daraus harsche Kritik ab und möchten den Kapitalismus abschaffen. Doch welche Alternativen gibt es.

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Wenn wir uns überlegen, wie wir Güter verteilen können und Investitionsentscheidungen fällen können, gibt es nur 4 grundsätzliche Wege.

  1. Der Markt entscheidet
  2. Der Staat entscheidet
  3. Der Stärkere entscheidet
  4. Der Zufall oder eine bestimmte Reihenfolge entscheidet

Wahrscheinlich möchten wir nicht einer Welt leben, in der der Zufall oder der Platz in einer Reihe darüber entscheidet, ob wir eine Wohnung oder etwas zu essen bekommen. Ebenso wenig wollen wir vermutlich, dass sich einfach nur der jeweils Stärkere mit Gewalt durchsetzt. Diese vorzivilisatorischen Möglichkeiten schließen wir daher aus. Somit bleibt neben der marktwirtschaftlichen Ordnung nur noch eine staatliche Ordnung als Gegenentwurf übrig.

Die Geschichte ist voll von Zeiten und Ländern, in denen die Wirtschaft überwiegend staatlich gelenkt wurde oder wird. Im mittelalterlichen Feudalismus ging politische Macht mit Grundbesitz Hand in Hand. Die jeweiligen Herrscher hatten Leibeigene oder zumindest stark abhängige Bauern, mit denen sie bestimmten, wie und was zu produzieren ist. Auch im darauffolgenden Merkantilismus war sämtliches Wirtschaften auf den absoluten Monarchen ausgerichtet und von dessen Entscheidungen abhängig.

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Später wurde in einigen Ländern als Gegenentwurf zum Kapitalismus der Sozialismus eingeführt, welcher heute noch als einzige, zumindest theoretisch diskutierte Alternative gilt. Das ist umso verwunderlicher, wenn wir uns vor Augen führen, dass der Sozialismus gemessen an den Todesopfern die schlimmste Katastrophe des 20. Jahrhunderts war. Alle sozialistischen Experimente zeichneten sich leider durch folgende Gemeinsamkeiten aus:

  • Starke Misswirtschaft bis hin zu Hungerkatastrophen
  • Staatlicher Terror gegenüber “Systemfeinden”
  • Einparteiensystem mit starker Überwachung und Bevormundung der Bürger

Es erscheint uns heute logisch, dass es nur zu diesem Ergebnis kommen kann, wenn man glaubt, dass es eine universelle Wahrheit gibt, die über allem steht und sich dieser jeder zu beugen hat – selbst wenn wir diese universelle Wahrheit “Gemeinwohl” nennen. Gleichzeitig ist den meisten heute klar, dass die Lenkung der Wirtschaft ein so kompliziertes Unterfangen ist, dass es quasi unmöglich ist. Versuche doch mal, zu planen wie du einen Bleistift herstellst – inklusive aller Zwischenmaterialien, Maschinen und entsprechenden Preisen.

Ohne Markt keine Demokratie

Im Gegensatz dazu erlaubt der Kapitalismus die Trennung von politischer und wirtschaftlicher Macht. Wenn im Kapitalismus jemand sehr reich werden will, dann kann er das, ohne als Adeliger geboren zu werden oder der gerade regierenden Partei anzugehören. Die Gewaltenteilung ist eines der Grundprinzipien nach denen Demokratien funktionieren. Nur so lässt sich Missbrauch und Korruption verhindern.

Der Markt ist grundsätzlich amoralisch und dadurch pluralistisch. Er fördert den Wettkampf unterschiedlicher Ideen, Produkte und Technologien und findet Preise und Entscheidungen in dezentraler Weise. In dieser Hinsicht ist er das wirtschaftliche Pendant zur demokratischen Entscheidungsfindung.

Kapitalismus bietet Auswahl

Außerdem ist es dir in einer Marktwirtschaft nicht vorgeschrieben, wo du zu leben hast, was du zu essen hast, was oder für wen du zu arbeiten hast und ob du selbst ein Unternehmen gründen möchtest oder nicht. Das sind nicht nur wirtschaftliche Freiheiten, sondern Grundrechte. Milton Friedman hat in seinem Buch “Kapitalismus und Freiheit” die Frage gestellt, ob es politische Freiheit ohne wirtschaftliche Freiheit geben kann. Wenn wir uns die letzten Abschnitte nochmal ansehen, kann die Antwort darauf nur ein klares “Nein” sein.

Daher ist es auch kein Zufall, dass alle Demokratien dieser Welt ein marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem zur Grundlage haben. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass es autoritäre Regime gibt, die in ihrem Land kapitalistisch Wirtschaften. Somit lautet das Fazit: Der Kapitalismus ist die Grundlage einer demokratischen und freien Gesellschaft, führt aber nicht automatisch dorthin.

Solange wir uns als Menschen noch in die Wirtschaft einbringen müssen, sei es durch geistige oder körperliche Arbeit, können wir die Wirtschaft nicht staatlich organisieren, ohne dabei unsere politischen Freiheiten einzuschränken. Insofern muss uns der Kapitalismus definitiv noch eine ganze Zeit lang erhalten bleiben. Trotzdem ist kein System perfekt. Deshalb werden wir uns nach diesem zugegebenermaßen sehr kapitalismusfreundlichen Artikel in den folgenden Beiträgen mit häufig vorgebrachter Kapitalismuskritik auseinandersetzen. Eine Übersicht dazu findest du hier.


Tags

Demokratie, Gesellschaft, Kapitalismus, Kritik, Organisation, Sozialismus, Wirtschaft


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